Wohnen nach Corona: Wie die Pandemie unseren Wohnraum verändert

Seit fast einem Jahr prägt das Coronavirus unseren Alltag. Klar ist, dass die Pandemie unser Leben nachhaltig und tiefgehend beeinflusst und es vermutlich nie wieder wie ‚vor Corona‘ sein wird. Nicht nur unsere Lebensweise ist durch Mundschutz und Abstandsregeln eingeschränkt, die Pandemie verändert auch das Verhältnis der Menschen zu ihrem Wohnraum. Je unkontrollierbarer die Außenwelt […]

Seit fast einem Jahr prägt das Coronavirus unseren Alltag. Klar ist, dass die Pandemie unser Leben nachhaltig und tiefgehend beeinflusst und es vermutlich nie wieder wie ‚vor Corona‘ sein wird. Nicht nur unsere Lebensweise ist durch Mundschutz und Abstandsregeln eingeschränkt, die Pandemie verändert auch das Verhältnis der Menschen zu ihrem Wohnraum. Je unkontrollierbarer die Außenwelt erscheint, desto wichtiger werden die eigenen vier Wände, die in Zeiten von Unsicherheit Schutz und Geborgenheit garantieren – das eigene Zuhause wird zum Lebensmittelpunkt. Wohnräume müssen sich an diese modifizierten Bedürfnisse anpassen. Welche Trends lassen sich für das Wohnen nach Corona bereits zum jetzigen Zeitpunkt erkennen?

Wohnen nach Corona: Homeoffice als neue Normalität

Die größte Trendwende beim Thema ‚Wohnen nach Corona‘ ist die Integration des Arbeitsplatzes in das eigene Zuhause. Was als gesundheitserhaltende Maßnahme Anfang des Jahres 2020 begann, entwickelt sich im Laufe der Pandemie zur neuen Normalität: Das Homeoffice wird auch nach Corona ein fester Bestandteil unserer Lebens- und Arbeitswelt bleiben.

Bereits seit einigen Jahren deutet sich diese Entwicklung an, wurde nun aber durch Ausgangsbeschränkungen, Schulschließungen und Social Distancing forciert – das Homeoffice wird vom Minderheits- zum Mehrheitsphänomen. Auch nach Corona soll zumindest an hybriden Modellen festgehalten werden: Laut Bayerischem Forschungsinstitut für Digitale Transformation wollen sieben von zehn Deutschen auch nach Abklingen der Pandemie häufiger ‚remote‘ arbeiten. Wichtig für diese neue, flexible Form des Arbeitens ist ein ruhiger und gut ausgestatteter Arbeitsplatz, der fest in das Zuhause integriert wird. Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern benutzt hierfür den Begriff ‚Hoffice‘, der das enge Ineinander von ‚Home‘ und ‚Office‘ verdeutlichen soll: Der eigene Arbeitsplatz muss nach Corona so selbstverständlich wie ein Schlaf- oder Wohnzimmer in die Wohnraumplanung aufgenommen werden.

Flexibilität sorgt für ideale Nutzung des Wohnraums

Bei Neubauten sollte deshalb vor allem darauf geachtet werden, flexible Räume zu gestalten, die sich akuten Bedürfnissen anpassen können – beispielsweise Multifunktionsräume, die Arbeitsplatz und Gästezimmer kombinieren, oder ausgebaute Dachstühle oder Kellerräume, die kurzfristig umfunktioniert werden können. Kleine Räume von acht bis zehn Quadratmetern gehören der Vergangenheit an, denn Wohnraum muss sinnvoll verteilt werden, um diesen ideal zu nutzen. Um auch große, offene Wohnräume an die neuen Anforderungen nach Corona anpassen zu können, sind ausreichende Rückzugsmöglichkeiten essentiell. Nur so sind Leben, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen. Große Räume können beispielsweise durch Schiebetüren zu ruhigen Orten oder zumindest optisch durch einen Paravent oder Vorhang flexibel abgetrennt werden. So wird in den eigenen vier Wänden eine Balance zwischen Raum für Gemeinschaft und Rückzug geschaffen.

Hauptsache Natur: Balkon und Garten als Must-Have

Das neue Ineinander von Wohn- und Arbeitsraum, aber auch Einschränkungen des Kulturbetriebs verändern die Wohnbedürfnisse der Menschen. Vor der Pandemie war unser Wohnraum ausschließlich ein Ort zum Wohnen – nun stellen die eigenen vier Wände nicht mehr nur privaten Rückzugsort, sondern Restaurant, Fitnessstudio, Kino und Spielplatz in einem dar. Umso wichtiger wird auch der an den Wohnraum angegliederte Außenraum: Egal ob in der Stadt oder in ländlichen Regionen, seit Corona sind Gärten, Terrassen und Balkone begehrter denn je. Bewohnern ist es jetzt noch wichtiger, in den eigenen vier Wänden Luft zu schnappen und etwas Nähe zur Natur zu spüren. Der eigene Balkon oder Garten wird mehr denn je zum Rückzugs- und Erholungsort und bietet Raum für neue Projekte und Hobbies wie beispielsweise den Obst- und Gemüseanbau, der seit Corona boomt.

Wohnen nach Corona Balkon Garten
Garten und Balkon wird während der Pandemie als Rückzugsort in die Natur immer wichtiger. Bild: shutterstock/Anna Nahabed

‚Cocooning‘ verändert unser Konsumverhalten

Grundsätzlich muss unser Wohnraum nach Corona neuen, selbst auferlegten qualitativen, ästhetischen und funktionalen Standards genügen. Kleine, schlecht ausgestattete Wohnungen gehören der Vergangenheit an, die Qualitätsansprüche steigen, da wir viel Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen. ‚Cocooning‘, das sich-in-den-eigenen-Wohnraum-Zurückziehen, ist ein Phänomen, das uns auch nach Ende der Pandemie erhalten bleibt. Wohnraum muss nicht mehr nur funktionale Aspekte erfüllen, sondern soll vor allem schön und gemütlich eingerichtet sein. Menschen begegnen ihren Wohnungen seit Corona mit einer neuen Achtsam- und Aufmerksamkeit, beschäftigen sich mit ihrem teils lange vernachlässigten Rückzugsort. Auch der Konsum orientiert sich an diesen Bedürfnissen: Konsumiert wird, was den Wohnraum ästhetisch und funktional verbessert. Budget, das vor der Pandemie in teure Urlaubsreisen floss, wird nun in den Wohnraum investiert.

So boomen in der Corona-Pandemie vor allem Onlineshops für Möbel, Dekoration und Haushaltsgeräte: Laut dem Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. ist der Bereich ‚Einrichtung‘ im dritten Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 19,5 Prozent gewachsen. Die beiden Vorreiter des online Home&Living-Sektors, Home24 und Westwing, berichten jeweils von rasanten Umsatzsteigerungen: Home24 verzeichnet rund 40 Prozent Umsatzwachstum auf über eine halbe Milliarde Euro operativen Gewinns im Jahr 2020, Westwing wächst mit über 50 Prozent mehr Umsatz sogar noch stärker.

Wohnen nach Corona läutet „Jahrzehnt des Zuhauses“ ein

Die Corona-Pandemie habe, so prognostiziert die Unternehmensberatung Accenture, ein „Jahrzehnt des Zuhauses“ eingeläutet, in dem das Cocooning, der Rückzug ins Private, beibehalten werden soll. Dies verändert folglich unseren Wohnraum, aber auch unser Leben darin und unsere Ansprüche an diesen nachhaltig: Flexibilität, Qualität und Gemütlichkeit sind essentielle Merkmale hinsichtlich Wohnen nach Corona. Arbeitsplatz und Wohnraum verschmelzen zum ‚Hoffice‘, Wohnräume werden multifunktional, bieten also sowohl Gemeinschaft, als auch Ruheorte und werden idealerweise durch einen Außenbereich ergänzt, um etwas Natur ins eigene Zuhause zu bringen.

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